Ausblick EEG 2010
Interview zur geplanten Reduzierung der Einspeisevergütung
Im Energiesektor ist eine „Revolution“ geplant: Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat beim Neujahrsempfang des Bundesverbands Erneuerbare Energie (BEE) sein Ziel beschrieben: Die Energieversorgung in Deutschland soll bis 2050 nahezu vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden. Dafür sei ein langfristiges Energiekonzept nötig, dass die Bundesregierung im Oktober vorlegen werde.
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) will die Photovoltaik-Vergütung für Dach- und Freiflächen-Anlagen um mindestens 15 Prozent zurückfahren. Die Regelung des Direktverbrauchs für Solarstrom soll hingegen unangetastet bleiben und damit zukünftig noch attraktiver werden.
1. Wird die zusätzliche Kürzung dem Ausbau der Photovoltaik schaden?
Der Ausbau der Photovoltaik in Deutschland ist durch nichts mehr aufzuhalten; auch nicht durch Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Natürlich wird eine zusätzliche Kürzung das Ausbautempo vorübergehend bremsen aber einen Schaden wird das dem Ausbau nicht zu fügen. Ein paar Zahlen sollen die Situation verdeutlichen: Den Medien konnte man in den letzten Monaten entnehmen, dass die Investitionen in Photovoltaikanlagen von Ende 2008 bis Anfang 2010 um ca. 30% pro Kilowattpeak (kWp) zurückgegangen sind. Bei kleinen Anlagen bis 10 kWp etwas weniger und bei Großanlagen von über 100 kWp vielleicht ein wenig mehr. Ursache für den Preisverfall waren der zusammenbrechende Photovoltaikmarkt in Spanien, der langanhaltende Winter Anfang 2009, der bis in den März hinein anhielt und die Weltwirtschaftskrise, die ausgehend vom Finanzsektor die weltweite Industrie in Mitleidenschaft zog und die Rohstoffpreise verfallen ließ. Gleichzeitig hatte die Solarindustrie im Vertrauen auf kalkulierbare Rahmenbedingungen und eine verlässliche Gesetzgebung die Kapazitäten enorm gesteigert, um die hohe Nachfrage bedienen zu können. Im gleichen Zeitraum sank die Einspeisevergütung wie im erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) festgelegt um ca. 16% und es wäre somit Spielraum für eine zusätzliche Kürzung vorhanden. Jedoch sind weitere Degressionsschritte ohnehin zum Jahreswechsel 2010/2011 und 2011/2012 im zweistelligen Prozentbereich vorgesehen und es stellt sich die Frage, ob die Branche einen so kurzfristigen starken zusätzlichen Einschnitt in Höhe von 15% verkraften wird.
Das heißt, es war nie wirtschaftlicher in Photovoltaik zu investieren, zumal die Zinsen für die Fremdfinanzierung von Solarstromanlagen sich auf einem historischen Tief befinden. Annähernd jedem Deutschen ist es somit möglich in die Photovoltaik zu investieren, um die Altersvorsorge ein wenig aufzubessern, denn eine Investition in diese Technologie ist langfristig angelegt und rechnet sich über einen Horizont von 20 Jahren. Dies verursachte erfreulicherweise eine rasante Beschleunigung des Ausbautempos, das für die künftige Energieversorgung und das Erreichen der Klimaschutzziele von großer Bedeutung ist. Wir brauchen dieses Ausbautempo, wollen wir unseren Kindern und Enkelkindern eine noch lebenswerte Erde hinterlassen! Doch eines sei bei dieser Gelegenheit erwähnt: die Traumrenditen von RWE und Co werden in der Solarbranche längst nicht erreicht.
Einen Schaden wird die zusätzliche Degression der deutschen Photovoltaikindustrie zu fügen und es wird in der Branche zu vermehrten Insolvenzen kommen, da die deutsche Industrie die notwendigen Produktivitätsfortschritte nicht dem Verfall der Einspeisevergütung anpassen können wird. Da sind die chinesischen Anbieter erheblich schneller die notwendigen Skaleneffekte zu realisieren und letztendlich die Profiteure der Kürzungen. Deutschland muss aufpassen, dass ihm die Technologieführerschaft nicht aus den Händen gleitet, wie es in vielen Technologien zuvor geschehen ist. Deswegen ist Augenmaß und Intelligenz bei der Wahl der Maßnahmen in der Politik - die vorgesehene Kürzung von 15% zum 1. April ist einfach zu abrupt - und gleichzeitig der Drang zu Innovationen in der deutschen Solarindustrie gefragt. Der deutsche Industriestandort hat nur eine Überlebenschance, wenn er von einer stetigen Innovationsbereitschaft getrieben wird. Hier sind die SMA Solartechnologie AG aus Niestetal als Globalplayer oder die ConSolaris Unternehmensgruppe GmbH & Co.KG aus Edertal als regionaler Mittelständler Paradebeispiele, wie ein stetiges Wachstum auch am Standort Deutschland durch permanente Innovationen möglich ist.
2. Was bedeuten die geplanten Einschnitte bei der Solarstrom-Vergütung für die heimischen, mittelständischen Unternehmen? Droht ihnen bei den geplanten Einschnitten das gleiche Schicksal wie vielen Betrieben der Biokraftstoff-Branche?
Der zusätzlich geplante Einschnitt bei der Solarstrom-Vergütung führt natürlich zu einer heftigen Verwirbelung am heimischen Markt. Die Ankündigung durch den Bundesumweltminister Norbert Röttgen, die Vergütung zum 1. April zu reduzieren, hat zu einer explosionsartigen Nachfragesteigerung geführt. Jeder möchte noch vor dem 1. April seine PV-Anlage auf seinem Dach montiert und in Betrieb genommen wissen. Problematisch ist neben der Tatsache, dass bei Schnee auf den Dächern unmöglich Anlagen montiert werden können natürlich auch, dass sich die Montagekapazitäten nicht beliebig duplizieren lassen und ab dem 1. April wieder zurückgefahren werden können. Ferner sind auch die Lieferanten unmöglich in der Lage, in beliebiger Menge Material in den Markt zu pumpen. Letztlich darf in dieser Phase nicht die Qualität auf der Strecke bleiben, da es sich bei den Anlagen um Investitionsgüter mit mindestens 20-jähriger Laufzeit handelt. Hohe Produktqualität sowie fachmännische Montage durch qualifiziertes Personal sind unabdingbare Kriterien bei der Wahl des Anbieters.
Die „Überlebenden“ heimischen Unternehmen der vorgesehenen Einschnitte werden die sein, die über langjähriges Knowhow verfügen, die Innovationsführer sind und die mit ökonomischen Sachverstand sich schnell an geänderte Rahmenbedingungen anpassen können. Ein Vergleich mit den vielen Betrieben der Biokraftsoff-Branche zieht hier nur bedingt, da diese Betriebe durch die Dummheit des deutschen Gesetzgebers versehentlich auf den „Altaren“ der großen Mineralölkonzerne geopfert wurden. Das wird den heimischen handwerksorientierten Betrieben in dieser Schärfe nicht passieren, da der Trend zur dezentralen Stromerzeugung nicht mehr zu bremsen ist und durch den rasanten Preisverfall sogar eher noch angeheizt wird, denn dadurch wird die dezentrale Stromerzeugung auf dem Dach des Einfamilienhauses gegenüber dem Atomstrom aus dem zentralen Großkraftwerk schneller wettbewerbsfähig. Die Solarenergie hat das größte Ausbau- und Kostensenkungspotenzial aller erneuerbaren Energien und wird weiter seine einzigartige Erfolgsgeschichte schreiben und in wenigen Jahren einen wesentlichen Anteil an der Stromversorgung in der Fläche haben. Noch vor der Windenergie lagen die Wachstumsraten der Solarenergie in Deutschland. In 2008 und 2009 hat sich die Solarstromleistung auf eine installierte Leistung von rund 9.000 MWp mehr als verdoppelt und hat einen Anteil am Gesamtstromverbrauch von mehr als 1%.
3. Die Vergütung für den Eigenverbrauch von Solarstrom soll nicht gekürzt werden, ja noch attraktiver werden. Was ist geplant?
Eigenverbrauch von Solarstrom heißt, dass die Photovoltaikanlage nicht auf der Netzseite des Hausanschlusses angeschlossen ist, sondern auf der Verbraucherseite des Hauses. Das heißt, vorrangig wird der auf dem Dach erzeugte Strom im Haus verbraucht und nur die Überschüsse werden ins Netz eingespeist. Dieser vorrangig im Haus verbrauchte Strom, wird derzeit mit 22,76 ct/kWh vergütet und soll nach den Plänen der Regierung nicht der Kürzung unterworfen werden. Zu diesen 22,76 ct/kWh addieren sich die derzeit ersparten rund 20 ct/kWh, die der Haushalt für aus dem Netz bezogenen Strom an den Energieversorger hätte bezahlen müssen. In Summe ergibt sich somit eine resultierende Vergütung in Höhe von rund 43 ct/kWh für eigenverbrauchten Strom.
Verglichen mit den 33,27 ct/kWh für in das Netz eingespeisten Strom aus nach dem 1. April in Betrieb genommenen Anlagen ergibt sich ein anfänglicher Vorteil von rund 10 ct/kWh. Dieser Vorteil ist stark steigend, da der Bezugspreis der Stromanbieter stetig steigt. Damit wird das Bestreben der dezentralen Stromerzeugung weiter forciert und es ist davon auszugehen, dass bereits in 3 bis 4 Jahren Solarstrom nicht teurer sein wird als konventioneller Haushaltsstrom.
4. Wie würde sich die Gesetzesänderung auf Privathaushalte auswirken? Können Sie ein Zahlenbeispiel nennen?
Die Profiteure der Gesetzesänderung sind die Privathaushalte mit dem kleinen Dach! Unterstellt man beim Privathaushalt mit einer Anlagengröße von rund 4 kWp eine Deckungsrate von 40% (40% des im Haus verbrauchten Stroms werden auf dem Dach erzeugt), so gehen rund 40% des Solarstroms in den Eigenverbrauch und 60% werden als Überschüsse ins Netz eingespeist, die mit 33,27 ct/kWh vergütet werden. Es ergibt sich somit eine resultierende Einspeisevergütung von rund 37 ct/kWh. Der Haushalt spart bei einer Investition in Höhe von rund 12.000 € rund 34.000 € über 20 Jahre Betrachtungs-zeitraum, in dem die Vergütung garantiert wird.
5. Lohnt sich für Privathaushalte weiterhin die Anschaffung einer Photovoltaikanlage?
Ja, die Anschaffung einer Photovoltaikanlage lohnt sich immer mehr, wie oben gezeigtes Zahlenbeispiel zeigt. Und die Annahmen sind sehr optimistisch! Vielmehr ist mit immer weiter steigenden Preisen des konventionellen Haushaltsstroms zu rechnen. Aber über den reinen monetären Wert hinaus verschafft sie dem Privathaushalt ein gehöriges Maß an Unabhängigkeit; ein Wert der in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen ist! Unsere konventionelle Energieversorgung fußt zu einem großen Teil auf Energieimporten aus dem Ausland, die zudem ganz offensichtlich und von niemandem bestritten zu 100% aus endlichen Ressourcen stammen. Spaltbares Uran, Öl, Gas, Kohle werden irgendwann erschöpft sein. Nicht morgen, nicht in 10 Jahren, nicht in 20 Jahren und vielleicht auch noch nicht in 50 Jahren aber was sind schon 50 Jahre im Hinblick auf das Alter der Erde! Ein Augenzwinkern und im Horizont unserer Kinder und Enkelkinder! Hinzu kommt die extreme Klimaveränderung, die große Erdteile unseres Planeten unbewohnbar machen wird. Wir müssen radikal die Energiewende einleiten und können nur auf den nächsten Klimagipfel hoffen, bei dem die Weltengemeinschaft hoffentlich einen globalen Konsens finden wird.
Hintergrund:
Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) plant, die Photovoltaik-Förderung von Dachanlagen zum 1. April und für Freiflächen-Anlagen zum 1. Juli um 15 Prozent zu senken. Für Freilandanlagen auf „wertvollen Ackerflächen“ ist sogar eine Kürzung der Vergütung um 25 Prozent geplant. Die jährliche Degression soll sich am Marktwachstum orientieren, wobei die Zielmarke der Bundesregierung für 2010 bei 3000 Megawatt neu installierter Leistung festgelegt ist.
Im Zuge seiner Gesetzesvorlage hat Röttgen auf der Handelsblatt-Jahrestagung „Energieversorgung 2010“ erklärt, er wolle den Eigenverbrauch von Solarstrom stärker fördern. Deshalb bleibe der Vergütungssatz für selbst verbrauchten Strom aus Photovoltaik-Anlagen wie bisher bei 22,76 Cent je Kilowattstunde. Bei einem kalkulierten Strompreis von 20 Cent je Kilowattstunde ergibt sich also ein Plus von insgesamt mehr als 42,76 Cent pro Kilowattstunde. Gegenüber dem komplett eingespeisten Solarstrom aus Dachanlagen ergab sich bislang ein Vorteil von drei Cent je Kilowattstunde.
Mit der Senkung der Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen um 15 Prozent würde der höchste Vergütungssatz für Solarstrom auf rund 33 Cent je Kilowattstunde sinken.
Die Förderung des Direktverbrauchs soll von dieser Regelung aber unangetastet bleiben. Damit würde sich künftig eine Differenz von etwa neun Cent je Kilowattstunde zwischen dem selbst verbrauchten und dem komplett ins Netz eingespeisten Solarstrom ergeben. Dies bedeute einen zusätzlichen Vorteil von etwa fünf bis sechs Cent je Kilowattstunde für den Eigenverbrauch.
Scharfe Kritik kommt auch vom Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar). Er „warnt eindringlich vor einer Insolvenzwelle in der Zukunftsbranche Photovoltaik und dem Verlust zehntausender Arbeitsplätze“, sollten die Vorschläge von Röttgen umgesetzt werden. „Ein derart radikaler und plötzlicher Einschnitt beraubt deutsche Solarunternehmen der Geschäftsgrundlage. Es bleiben ihnen keine Investitionsspielräume, um im harten internationalen Wettbewerb zu bestehen“, sagte BSW-Solar-Geschäftsführer Carsten Körnig.
